Geschichte seit 1734
Als im Jahr 1734 der kleine Ort Moringen fast komplett niederbrannte, stand man vor einer Riesenaufgabe, nämlich den Ort wieder nach brandschutzrechtlich neuesten Erkenntnissen wieder aufzubauen. Glücklicherweise hatte der damalige Drost Börries v. Münchhausen gute Beziehungen zum Königshaus in Hannover und konnte mit dem Architekt Fähnrich Bonn die Stadt wieder herrichten. Der auch dem Feuer zum Opfer gefallene Ratskeller, damals in der Kirchstraße östlich des alten Rathauses wurde anstelle des auch verbrannten Brauhauses in der heutigen Langen Straße als erster öffentlicher Neubau in Massivbauweise wieder errichtet. Zunächst mit Erd- und einem Obergeschoß. Die Stadt Moringen als Erbauer verpachtete den Ratskeller nur an Personen mit gutem Leumund und mit vielen Auflagen. Es durfte zum Beispiel nur Moringer Bier ausgeschenkt werden, da Moringen ja als Mühlen- und Brauerstadt bekannt war (noch heute zeugt die Brauergilde von dem damaligen Bierbraurechten). Sanierungen und bauliche Veränderungen in den folgenden Jahrhunderten prägten das Gebäude und damit auch das Stadtbild der Stadt Moringen. Als Ratskeller diente es vornehmlich den Moringer Vereinen als Veranstaltungsgelegenheit mit Gesellschaftsräumen, Bühne und Saal und hatte daher einen wesentlichen Einfluss auf das Moringer Leben.
Der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 brachte mehrere Tausend Soldaten nach Moringen, die Verpflegung und Unterkunft benötigten. Archivunterlagen bezeugen, dass der Ratskeller als Hospital genutzt wurde und Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse in der Region zur Kriegszeit war. Mit Pferden und schwerem Gerät waren die Soldaten im Ratskeller und „hausten“ so sehr, dass nach Beendigung der Kriegszeit der Ratskeller neu saniert werden musste. Er war „nicht mehr zu gebrauchen“. Noch heute zeugen einzelne Bestandteile von den damaligen Krankenzimmern.
Alle Veranstaltungen, Versammlungen und Zusammenkünfte fanden im Moringer Ratskeller statt. Daher wurde der bis dahin im ersten Obergeschoss befindliche Saal als zu klein befunden und im Jahr 1824 hat man ein zweites Stockwerk in Fachwerkbauweise draufgesetzt. Das alte Dach konnte abgenommen und auf die neue Etage wieder aufgebracht werden. Auch hier sind Zeugnisse davon vorhanden. Die klassizistische Treppe vom Erdgeschoss bis zum Dachboden ist bis heute vorhanden und noch gut erhalten.
Im Jahr 1871 trennte sich die Stadt Moringen als Eigentümerin vom Ratskeller und verkaufte ihn an Louis Steinhoff. Carl Hartmann, seine Tochter Frieda Schüler und Klaus Kubiak waren die darauf folgenden Eigentümer.
Bis zum Jahr 1988 bewirtschafteten Frieda und Walter Schüler den Ratskeller. Danach stand er bis heute leer und verfiel mehr und mehr. Brandstiftung und Witterungseinflüsse taten ihr Übriges.
Mehrere Versuche, den Ratskeller einer Nutzung wieder zuzuführen, scheiterten an den hohen Kosten, den Auflagen des Denkmalschutzes und den Verkaufspreisvorstellungen des Eigentümers. So verging Jahr um Jahr ohne dass eine Lösung für das historisch wertvolle Gebäude gefunden wurde. Auch eine Planung mit Mitteln des Städtebauförderungsgesetzes scheiterte.
Drei Initiatoren, voran Friedhelm Honig aus Moringen, setzten sich zusammen und erarbeiteten ein Nutzungskonzept, das die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Northeim überzeugte. Denkmalrelevante Gebäudeteile und Innenbauten sind erhaltenswert (z.B. eine klassizistische Treppe von 1824 mit über Eck gestellten Vierkantstäben, Schablonenmalereien, Ausmalungen auf Kalkputz, Terrazzofußboden mit Einlegearbeiten).
Eine Schadenserhebung und eine Kostenschätzung für das Vorhaben durch das Planungsbüro „die bauhütte“ aus Mühlhausen war dann Grundlage für einen Finanzierungsplan für das gesamte Projekt. Bisherige Kostenschätzungen von Investoren gingen davon aus, dass seniorengerechte Wohnungen eingebaut werden sollten und landeten bei einer Bausumme von 3,5 bis 4 Millionen Euro. Für die Umsetzung des Nutzungskonzepts als soziokulturelle Einrichtung errechneten sich lediglich 1,6 Mio. Euro. Grund dafür war, dass in erster Linie repariert und nicht ersetzt werden sollte. Keine großen baulichen Veränderungen und nur notwendige Maßnahmen. Viele Gespräche mit den Verantwortlichen vom Denkmalschutzamt Northeim und Hannover, dem Bauamt des Landkreises Northeim, der Stadt Moringen und potenziellen Fördermittelgebern sahen vielversprechend aus.
Jetzt war noch die Eigentumsfrage zu klären. Die letzten Wirtsleute als Eigentümer des Ratskellers vererbten den Ratskeller an eine Privatperson, die leider nicht die geeigneten Maßnahmen fand um den Ratskeller einer künftigen Nutzung zuzuführen. Auch hier waren viele Gespräche notwendig bis die Privatperson dem Verein den Ratskeller und das Grundstück übertrug. Belastungen in Abt. III des Grundbuchs erschwerten die Übernahme. Ende 2018 konnte das Objekt lastenfrei an den Verein „Ratskeller 1489 e.V.“ übertragen werden! Dass der Verein nun Eigentümer des Ratskellers ist, war und ist die beste Voraussetzung für den künftigen Betrieb als soziokulturelle Einrichtung; denn auch eine Finanzierungsplanung für den laufenden Betrieb stellte der Verein den Fördermittelgebern vor. Ein gemeinnütziger Verein wurde erfolgreich gegründet mit dem Satzungszweck die Kunst und Kultur in Moringen zu fördern.
Da die Finanzierung des Sanierungsvorhabens schwerlich in einer Summe zu bekommen war, wurden in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Hannover und dem Planungsbüro aus Mühlhausen Bauabschnitte gebildet. Eine Sicherung des Gebäudes vor Witterungs- und Umwelteinflüssen musste zunächst vorgenommen werden. Daher wurde im ersten Bauabschnitt der durch Schädlingsbefall und Wassereinbrüche arg geschädigte Dachstuhl repariert. Für die Veranstaltungen im zweiten Obergeschoß war im 19. Jahrhundert eine Bühne in Holzständerbauweise an der Ostseite des Ratskellers angebracht. Hier konnten Schauspieler und Musikkapellen ihren Platz von außen einnehmen. Diese Bühne wurde bereits Ende des 20. Jahrhunderts wegen Baufälligkeit abgerissen. Auch die Dacheindeckung ist mit neuen Ziegeln als Schutz von oben nun vorhanden. Ein zweiter Bauabschnitt erfolgte im Jahr 2022 mit der Erneuerung aller Fenster und der Eingangstür. Die Fenster sind denkmalkonform und die Haustür aufgearbeitet. Weiterhin wurde die Fassade mit natürlichen Baustoffen (Kalkputz) und Farben geschützt.
In 2023/2024 beginnen Rohbauarbeiten im Innern des Gebäudes: Drainage und Abwasserleitungen sind die ersten erforderlichen Maßnahmen. Dann werden Decken, Fußböden, Wände, Elektro, Heizung, Sanitär und Trockenbau vorgenommen. Voraussichtlich wird dies zum Jahresende vollendet sein. Auch ein Treppenturm mit Aufzug soll angebaut werden um Brandschutzrichtlinien und Barrierefreiheit zu erfüllen.
Nach Fertigstellung der Sanierung sollen ein Café und die dazugehörige Caféküche und erstmals im Gebäude befindliche Toiletten im Erdgeschoß benutzbar sein. Das erste Obergeschoß dient dann für Vereine, die dort ihre Versammlungen abhalten können. Kleinere Ausstellungen und Seminare werden dort ebenfalls angeboten (mehrere Vereine und Firmen haben schon Interesse gezeigt). Außerdem eine Künstlerwohnung, die für kurze Zeiten gemietet werden kann.
Das zweite Obergeschoß wird Veranstaltungen aller Art bewältigen können. Eine mobile Bühne und die dazugehörige Technik vervollständigt das Angebot. Natürlich können auch private Veranstaltungen abgehalten werden.
Damit wird hoffentlich dem demografischen Wandel in der Region etwas Einhalt geboten. Viele Moringer und Ratskellerfreunde warten schon sehnlichst auf die Wiederherstellung des Ratskellers. Kunst und Kultur in den vielfältigsten Variationen sollen wieder einziehen in ein für weitere Jahrzehnte wiederhergestelltes historisches Denkmal.
Eine Sanierung des Gebäudes kann nur positiv identitätsstiftend auf die ganze Stadtentwicklung Moringens sein und der Abwanderung entgegenwirken. Wir geben außerdem damit Menschen einen Anreiz, sich in ländlichen Gebieten ein Leben aufzubauen. Dies ist dem Verein außerordentlich wichtig. Das Bewusstsein der Menschen soll für ihre Herkunft und ihr Lebensumfeld gestärkt werden. Dem Gebäude wird durch die Erhaltung eine kontinuierliche Lebensperspektive verschafft und mit dem neuen Leben im Ratskeller erfährt die Stadt Moringen eine enorme Aufwertung nicht nur im kulturellen Bereich, sondern wird damit attraktiver für die bis jetzt strukturschwache Region.
Friedhelm Honig, Februar 2024